Warum persönliches Wissensmanagement mehr mit Erinnerung als mit Information zu tun hat
Wer sich heute mit persönlichem Wissensmanagement beschäftigt, begegnet früher oder später denselben Begriffen: Obsidian, Craft, Capacities, Second Brain, Zettelkasten, PKM. Die Werkzeuge werden immer leistungsfähiger, die Methoden immer ausgefeilter. Wir vernetzen Notizen, bauen Wissensgraphen auf, erstellen Datenbanken und entwickeln ausgeklügelte Systeme, um Informationen festzuhalten.
Doch je länger ich mich mit digitalen Notizen beschäftige, desto mehr beschleicht mich ein Verdacht:
Vielleicht geht es gar nicht in erster Linie um Wissen.
Vielleicht geht es um Erinnerung.
Und vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:
Wie organisiere ich mein Wissen?
sondern:
Wie bewahre ich die Spuren meines Lebens?
Für diese Spuren verwende ich den Begriff Lebenslinien.
Die Verlockung des perfekten Systems
Wer einmal in die Welt des Personal Knowledge Management eingetaucht ist, kennt die Faszination.
Man entdeckt Obsidian und ist begeistert von den Verlinkungen. Man liest über den Zettelkasten von Niklas Luhmann. Man experimentiert mit MOCs, Tags, Properties und Graph Views. Vielleicht schaut man sich später Capacities an oder nutzt Craft, um Gedanken ansprechend aufzubereiten.
Anfangs scheint die Aufgabe klar: Informationen sollen besser organisiert werden.
Ich kenne diese Begeisterung gut.
Da entstehen Notizen über Bücher, Artikel, Kameratechnik, Software, Literatur, Philosophie oder Geschichte. Jede neue Verlinkung vermittelt das Gefühl, dass das eigene Denken sichtbarer wird.
Und tatsächlich funktioniert das.
Doch irgendwann stellte ich fest, dass mich viele meiner sorgfältig aufgebauten Wissensstrukturen nur noch wenig interessierten.
Dafür entdeckte ich andere Notizen wieder, die ich ursprünglich fast für nebensächlich gehalten hatte.
Die Notiz über den Regen
Vor einiger Zeit stieß ich auf eine alte Notiz.
Sie enthielt keine wichtige Erkenntnis. Keine Theorie. Keine Recherche.
Dort stand lediglich eine Beobachtung über einen Spaziergang in Hamburg.
Nasser Asphalt.
Ein grauer Himmel.
Der Wind an den Landungsbrücken.
Das Geräusch einer Fähre im Nebel.
Mehr nicht.
Objektiv betrachtet war diese Notiz nahezu wertlos.
Subjektiv war sie unbezahlbar.
Beim Lesen war sofort die gesamte Stimmung wieder da. Nicht nur die Erinnerung an einen Ort, sondern an einen Moment meines Lebens. Ich wusste wieder, wie sich dieser Nachmittag angefühlt hatte.
Mir wurde klar:
Diese kleine Notiz hatte etwas bewahrt, das keine Suchmaschine der Welt rekonstruieren kann.
Die Frage eines 76-Jährigen
In einem Gespräch über Wissensvernetzung tauchte einmal eine Frage auf, die mich seitdem begleitet:
Welchen Sinn hat ein riesiges Wissensnetzwerk eigentlich noch mit 76 Jahren?
Die Frage traf einen empfindlichen Punkt.
Denn viele PKM-Systeme sind stillschweigend auf Wachstum ausgelegt.
Mehr Notizen.
Mehr Quellen.
Mehr Verbindungen.
Mehr Wissen.
Aber was passiert, wenn man die Perspektive ändert?
Was passiert, wenn man nicht mehr fragt, wie viel Wissen man sammeln kann, sondern was davon wirklich Bedeutung besitzt?
Aus dieser Überlegung entstand eine neue Frage:
Welche 500 Notizen möchte ich in wenigen Jahren noch einmal lesen?
Nicht die 500 wichtigsten.
Nicht die 500 produktivsten.
Nicht die 500 intelligentesten.
Sondern die 500 Notizen, die etwas von meinem Leben bewahren.
Seitdem begleitet mich diese Frage bei jeder neuen Notiz.
Zwei Arten von Wissen
Bei dieser Überlegung wurde mir bewusst, dass Wissen nicht gleich Wissen ist.
Das sachliche Wissen
Die erste Kategorie kennen wir alle.
Dazu gehören:
- Fakten
- Fachwissen
- Projektinformationen
- Literaturhinweise
- Anleitungen
- Methoden
- Forschungsergebnisse
Dieses Wissen ist wichtig.
Es hilft uns zu lernen, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen.
Aber es besitzt einen Nachteil:
Es altert.
Die Software wird ersetzt.
Die Anleitung ist überholt.
Das Projekt wird abgeschlossen.
Die Technologie verändert sich.
Viele Informationen verlieren ihren ursprünglichen Wert.Das atmosphärische WissenDaneben gibt es eine zweite Art von Wissen.
Ich nenne sie atmosphärisches Wissen.
Dabei handelt es sich nicht um Fakten über die Welt.
Sondern um Erfahrungen in der Welt.
Eine Stimmung.
Eine Begegnung.
Ein Geruch.
Ein Gedanke.
Ein Ort.
Ein Moment.
Wenn ich heute ältere Notizen durchschaue, finde ich erstaunlich oft genau dort den größten Wert.
Nicht in den technischen Workflow-Beschreibungen.
Nicht in den ausführlichen Zusammenfassungen.
Sondern in einer beiläufigen Beobachtung über Licht, Wetter, Geräusche oder Menschen.
Diese Notizen informieren mich nicht.
Sie erinnern mich.
Das Tagebuch in neuem Gewand
Mit der Zeit begann ich zu verstehen, warum das so ist.
Viele moderne Wissensmanagement-Systeme erfüllen heimlich dieselbe Funktion wie ein klassisches Tagebuch.
Ein Tagebuch wurde nie geführt, um produktiver zu werden.
Es wurde geführt, um Bedeutung festzuhalten.
Jemand schrieb auf, was ihn bewegte.
Was ihn beschäftigte.
Was ihn berührte.
Genau das tun viele von uns heute ebenfalls.
Nur verwenden wir andere Werkzeuge.
Die Daily Notes in Obsidian.
Eine Notiz in Craft.
Ein Objekt in Capacities.
Die Form hat sich verändert.
Das Bedürfnis dahinter ist dasselbe geblieben.
Wir möchten festhalten, was unser Leben ausmacht.
Lebenslinien statt Datenbanken
An diesem Punkt wird der Begriff Lebenslinien wichtig.
Eine Lebenslinie ist mehr als eine Sammlung von Notizen.
Sie beschreibt eine Entwicklung.
Die Linie eines Interesses.
Die Spur einer Leidenschaft.
Den Verlauf eines Projekts.
Die Geschichte einer langjährigen Beschäftigung.
In meinem Fall gehören dazu beispielsweise Fotografie, Schreiben, Hamburg, Film, Erinnerung und Atmosphäre.
Auf den ersten Blick sind das unterschiedliche Themen.
Doch über viele Jahre hinweg bilden sie eine zusammenhängende Linie.
Eine Notiz verweist auf einen Ort.
Der Ort auf eine Fotografie.
Die Fotografie auf eine Erinnerung.
Die Erinnerung auf einen Text.
Der Text auf eine neue Idee.
Erst das Netzwerk macht sichtbar, dass all diese Fragmente zu derselben Geschichte gehören.
Obsidian, Craft und Capacities aus Sicht der Lebenslinien
Interessanterweise erscheinen die bekannten Werkzeuge plötzlich in einem neuen Licht.
Obsidian hilft mir dabei, die Verbindungen sichtbar zu machen. Der Wert liegt nicht nur in einzelnen Notizen, sondern in den Beziehungen zwischen ihnen.
Craft hilft dabei, aus verstreuten Fragmenten lesbare Geschichten zu gestalten. Es eignet sich hervorragend, um einzelne Lebenslinien zu dokumentieren.
Capacities fasziniert mich besonders durch seinen objektorientierten Ansatz. Menschen, Orte, Bücher oder Projekte stehen im Mittelpunkt. Genau so erinnert sich oft auch unser Gehirn.
Keine dieser Anwendungen speichert letztlich nur Informationen.
Alle können dazu beitragen, Lebenslinien sichtbar zu machen.
Vom Second Brain zum Erinnerungsraum
Die populäre Idee des Second Brain hat viele Menschen inspiriert.
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir das Bild unvollständig.
Ein zweites Gehirn speichert Wissen.
Aber ein Leben besteht aus mehr als Wissen.
Es besteht aus Erfahrungen.
Aus Beziehungen.
Aus Orten.
Aus Stimmungen.
Aus Momenten.
Vielleicht brauchen wir deshalb einen anderen Begriff.
Nicht Second Brain.
Sondern Erinnerungsraum.
Einen Ort, an dem Fakten und Erfahrungen nebeneinander existieren dürfen.
Einen Ort, an dem nicht nur sichtbar wird, was wir gelernt haben, sondern auch, was uns geprägt hat.
Die wichtigste Frage
Am Ende komme ich immer wieder zu derselben Frage zurück:
Welche 500 Notizen möchte ich in einigen Jahren noch lesen?
Ich vermute, die Antwort wird mich überraschen.
Wahrscheinlich werden nur wenige dieser Notizen perfekte Zusammenfassungen sein.
Nur wenige werden technische Meisterwerke der Wissensorganisation darstellen.
Vermutlich werden viele davon etwas ganz anderes enthalten:
Eine Beobachtung.
Eine Begegnung.
Eine Atmosphäre.
Eine Fotografie.
Eine Erinnerung.
Einen Gedanken an einem regnerischen Tag.
Vielleicht liegt genau darin der tiefste Sinn des persönlichen Wissensmanagements.
Nicht darin, möglichst viele Informationen zu bewahren.
Sondern darin, die Lebenslinien sichtbar zu machen, die uns zu dem Menschen gemacht haben, der wir geworden sind.
Reflexionsfrage
Wenn du heute nur eine einzige Notiz auswählen dürftest, die du in zehn Jahren noch lesen möchtest:
Welche wäre das und warum?
Die Antwort sagt möglicherweise mehr über dein Leben aus als die gesamte Struktur deines Wissenssystems.